Gab es diesen Titel nicht schon mal? Ja, so oder ganz ähnlich. Aber egal – aufgrund der am 26.12. erstmals gezeigten Sendung „Spitzbergen und ein Segelschiff“ im NDR Ostseereport (sehr empfehlenswert, in der ARD-Mediathek zu sehen) kommen nun aber doch die Fragen, warum die Antigua nicht mehr nach Spitzbergen kommen wird und ob wir dort dennoch weiterhin Pläne haben.
Wie auf dieser Seite schon mehrfach zu lesen war und im Film auch deutlich wurde: Im Arktis-Sommer 2024 ist die Antigua leider zum letzten Mal in Spitzbergen gewesen. Der Grund ist eine entsprechende Entscheidung des Eigners, der niederländischen Tallship Company. Die Tallship Company besitzt mehrere Segelschiffe, die seit vielen Jahren in anderen Gewässern fahren, darunter Nordsee, Ostsee, Mittelmeer. Dorthin wird die Antigua ihnen nun folgen, von der nördlichen Ostseeküste Schwedens im Frühjahr bis nach Nordnorwegen im Herbst. Nach Spitzbergen wird sie nicht mehr zurückkehren.
Die Antigua wird künftig rund um Skandinavien Segel sestzen,
von der nördlichen Ostsee bis nach Nordnorwegen.
Das ist, wie gesagt, eine betriebliche Entscheidung der Tallship Company. Entgegen anderslautender Gerüchte ergibt sich das nicht zwangsläufig aus Änderungen der Gesetzeslage. Segelschiffreisen sind in Spitzbergen weiterhin möglich und wir machen das auch, und zwar mit der ebenso schönen, etwas kleineren Meander.
Spitzbergen unter Segeln 2025: klar, machen wir! Mit der Meander.
Spitzbergen ab 2025: weiter spannend? Ja!
Und wenn ich schon dabei bin: Aus dem Film und an anderer Stelle mag sich auch der Eindruck ergeben, dass Spitzbergen-Reisen aufgrund der ab Januar 2025 in Kraft tretenden Regeln kaum noch möglich sein werden und soweit sie überhaupt möglich sind, dass sie nicht lohnenswert sein werden, weil man nichts mehr machen kann und nichts mehr sehen wird. Um es einmal ganz klar zu sagen: das ist falsch, das stimmt nicht. Ja, bestimmte Dinge werden nicht mehr möglich sein: Innerhalb der meisten Naturreservate und Nationalparks werden Landgänge nicht mehr überall, sondern nur noch an bestimmten Stellen stattfinden dürfen (die schon fast berühmt-berüchtigten 43 Stellen). Aber die mittlerweile durchaus zu hörende Aussage, dass Landgänge in Spitzbergen nur noch an 43 Stellen erlaubt seien, ist schlicht und einfach falsch. Es gibt nämlich weiterhin große Gebiete, die nicht innerhalb von Nationalparks und Naturreservaten liegen, und dort dürfen wir unsere Landestellen weiterhin so wie bislang frei wählen. Das bleibt auch 2025 so, und es ist absolut nicht absehbar, dass sich das ändern wird.
Wir werden uns künftig schwerpunktmäßig in den Gebieten bewegen, in denen wir uns wie gewohnt frei bewegen können, wo wir überall an Land gehen können, wo die Uferlandschaft, Wind und Wellen das zulassen und wo wir so weit wandern können, wie die Füße tragen bzw. soweit wir eben wollen. Wie bislang. Das bleibt so! Nur eben nicht quasi flächendeckend überall in den gesamten, riesigen Küstengebieten Svalbards, sondern vor allem in den Gebieten außerhalb der Nationalparks und Naturreservate. Solche Gebiete werden wir auch künftig an der Westküste, an der Nordküste und an der Ostküste Spitzbergens haben. Genug Platz theoretisch für monatelange Touren, genug Neuland auch vor dem Hintergrund dessen, was wir nun viele Jahre lang gemacht haben! Es wird weiter spannend und schön sein, überhaupt keine Frage.
Wandern in Spitzbergens arktischer Natur, auch 2025? Klar! Machen wir.
Da sich derzeit der Eindruck zu ergeben scheint, dass ab 2025 das Gegenteil der Fall ist, ist es mir wichtig, das in aller Klarheit zu sagen.
Thema Tierbeobachtungen
Thema Tierbeobachtungen: Hier tut sich in der Tat was, vor allem gelten ab 2025 Mindestabstände zu Eisbären. 500 Meter im Frühjahr (bis Ende Juni) und 300 Meter im Sommer (ab 1. Juli). Aufregende Nahbeobachtungen mit formatfüllenden Portraits wird es innerhalb der 12-Meilenzone um Spitzbergen in der Tat nicht mehr geben.
Eisbären sehen und fotografieren ab 2025? Das geht, aus etwas größeren Entfernungen, so wie hier. Trotzdem schön, und mit entsprechenden Objektiven sind, so wie hier, auch weiterhin gute Fotos möglich.
Aber schaut mal den oben genannten Film, die letzten Minuten. Die Eisbären waren ab Uferlinie (bis dahin kamen wir) ziemlich genau 500 Meter entfernt, tatsächlich war es sogar noch etwas mehr. Und wie der Film zeigt: alle waren glücklich. Es war eine schöne Beobachtung! Und sie wird so auch 2025 noch möglich sein. Wenn die Situation es zulässt, sogar noch näher (300 Meter ab 1. Juli). Zudem gibt es auch weiterhin die Möglichkeit zu Nahbeobachtungen an der Treibeisgrenze außerhalb der 12-Meilenzone.
Übrigens, siehe obenstehendes Foto, Stichwort „mit entsprechenden Objektiven sind … auch weiterhin gute Fotos möglich“: Ich bin ziemlich gut ausgestattet – mittlerweile noch besser als bis September 2024 (die Kamera hat final die Hufe gerissen und musste ersetzt werden). Ich mache, in aller Bescheidenheit, ganz gute Fotos und alle Teilnehmer bekommen nach jeder unserer (Rolf Stange mit Geographischer Reisegesellschaft) Fahrten eine Sammlung („best of“) hochauflösender Fotos. Aber das nur am Rande.
Ja, hier geht etwas verloren. Das wird vor allem die treffen, denen Nahbeobachtungen und -fotos von Eisbären wichtig sind. Alle anderen wird es nur peripher tangieren. Und das Thema „Eisbären-Fotosafari“ haben wir uns noch nie prominent auf die Fahne geschrieben. Klar, sich bietende Gelegenheiten haben wir immer gerne wahrgenommen und werden das auch künftig im Rahmen des Möglichen tun. Aber damit können wir auch leben.
P.S. Folgendes will ich noch hinzufügen: Das heißt nicht, dass ich diese Regel (und andere) so sinnvoll fände, man hätte das anders besser und auch zielführender machen können. Aber es bedeutet ganz sicher nicht, dass wir keine schönen, lohnenswerten Spitzbergenreisen mehr machen können. Doch, das können wir, und das werden wir auch.
Wir – Uwe Maaß (links) und Rolf Stange – freuen uns auch 2025 auf „Spitzbergen unter Segeln“. Willkommen an Bord!
Zu all dem finden sich weitere Informationen in der Ankündigung unserer Pläne für 2025, und die Termine natürlich auch. Wer direkt mal nachschauen will, klicke hier.
P.S. TLDR? Zu lang, keine Lust zu lesen, direkt zum Punkt? Unten im Beitrag sind die Links zu den neuen Seiten: Akseløya, Midterhukhamna und die alten Bergwerke auf der Nordseite des Adventfjord.
Die letzten Wochen waren mal wieder proppenvoll, aber es hat sich auch gelohnt: Die neue Ausgabe des Spitzbergen-Reiseführers ist so gut wie druckfertig. So bald sie in den Druck geht, wird sie auch vorbestellbar sein. Mehr dazu demnächst.
Polarnachtstimmung im Adventdalen.
Im Bild die beleuchtete Winkelstation der alten Kohleseilbahn am Endalen.
Dieser Reiseführer ist – zumindest nehme ich ihn so wahr – ja weit mehr als ein Reiseführer und mittlerweile auch mehr als ein Buch. Zusammen mit der Seite, auf der Sie hier gerade lesen, ist das ein mittlerweile ziemlich großes Informations-Ökosystem für alle, die sich tiefergehend für Spitzbergen interessieren. Hier im Internet ist Platz für vieles, was in dem Buch keinen Platz hat und dort auch fehl am, nun ja, Platz wäre, den Rahmen deutlich sprengen würde.
Aber wer mehr wissen will, vor allem zu den verschiedenen Orten in den unendlichen Weiten Spitzbergen (vielleicht nicht wirklich unendlich, aber doch groß genug), findet ja hier reichlich Stoff. Sei es, um irgend etwas noch genauer herauszufinden, sei es, um zu stöbern, preiswert digital die letzten Winkel Spitzbergens zu erforschen, mit vielen bildlichen Eindrücken. Die neue Ausgabe des Reiseführers wird an passenden Stellen mit QR-Codes auf die entsprechenden Seiten verweisen.
Hauch eines Nordlichts über Longyearbyen.
Wer das alles lesen will, wird gut zu tun haben 😀 wer das alles schreiben will, hat noch deutlich mehr zu tun (zumal ja auch mehrsprachig, nicht zu vergessen). Das ist seit vielen Jahren eine laufende Baustelle, wo immer mehr fertig wird, neue Seiten hinzukommen, ältere Seiten schöner werden. Ich nehme das Aktualisieren des Reiseführers gerne zum Anlass, zu schauen, wo es Lücken gibt oder alte Seiten mit Überarbeitungsbedarf.
In dem Rahmen sind in den letzten Wochen etliche Seiten teilweise ganz neu entstanden, teilweise überarbeitet worden, und die sind über die Feiertage oder danach, wann auch immer man mal Zeit und Lust hat, sicher einen Besuch wert.
Dazu gehören vier Seiten, die zusammen das größte mehr oder weniger zusammenhängende Industriedenkmal Spitzbergens illustrieren, nämlich die Bergbaulandschaft aus dem frühen 20. Jahrhundert auf der Nordseite des Adventfjord:
Advent City war der erste Anlauf überhaupt auf Spitzbergen, industriell Kohle abzubauen.
Hiorthhamn folgte einige Jahre später und ist mit der Anlage am Ufer eines der sehenswertesten Kulturdenkmäler Spitzbergens aus der Pionierzeit des Kohlebergbaus.
Sneheim ist die zu Hiorthhamn gehörende alte Grube. In 582 Metern Höhe am Hiorthfjellet, unglaublich!
Neu ist auch die Seite zum Russeltvedtodden (kennt keiner) am Südende der Akseløya (ah natürlich … die schöne Akseløya im Bellsund) und zu Midterhukhamna. Ebenso, als ein Blick auf etwas größere Teile Spitzbergens, gibt es nun jeweils eine eigene Seite zum Sassenfjord und zum Tempelfjord. Auch ein kurzer virtueller Besuch in der Agardhbukta lohnt sich jetzt noch viel mehr als vorher schon.
Aber natürlich sind die Änderungen nicht auf das Land beschränkt, auch das Meer ist betroffen. Oder, vielleicht treffender: Es spielt eine große, treibende Rolle.
Der Golfstrom
Im Nordatlantik ist bekanntermaßen viel vom Golfstrom abhängig. Dieser bringt mit seinen vergleichsweise warmen Wassermassen ungeheuere Wärmemengen aus dem Süden und sorgt so für das relativ milde Klima in höchsten Breiten wie 78 Grad Nord, wo der Isfjord heute rund ums Jahr weitgehend eisfrei bleibt, während manche Fjorde im nördlichsten Grönland oder Kanada (Ellesmere Island) nur kurz im Sommer eisfrei werden oder auch gar nicht.
Schon kleine Änderungen des Golfstroms haben massive Auswirkungen auf das regionale Klima im Nordostatlantik. Bringt der Golfstrom etwas mehr Warmwasser oder ist das Wasser etwas wärmer, wird der Nordatlantik kräftig wärmer werden. Sollte die Warmwasserlieferung nachlassen oder nicht mehr so weit nach Norden reichen, könnte regional auch eine Abkühlung eintreten, die ganz Nordwesteuropa betreffen könnte. Perspektivisch ist dieses Szenario als Teil des Klimawandels gar nicht ausgeschlossen, aber aktuell ist das Gegenteil der Fall.
Der Kongsfjord
Jørgen Berge von der Universität in Tromsø hat den Kongsfjord seit über 20 Jahren genau im Blick. Da im Kongsfjord die Forschungssiedlung Ny-Ålesund liegt, wird dieser Fjord schon länger genau studiert, hier liegen zu allen möglichen Details jahrzehntelange Datenreihen vor. Zudem liegt der Fjord an dem Teil der Westküste, der am stärksten unter Golfstromeinfluss steht, so dass er als Frühwarnsystem für Änderungen dieser Strömungen und ihrer lokalen Auswirkungen dienen kann.
Der Kongsfjord bei Ny-Ålesund: ein ozeanographisch-marinbiologisches Forschungslabor.
Berge hat dem Barentsobserver von seiner Arbeit und seinen Beobachtungen erzählt. Das Ergebnis vorweggenommen: eine „radikale Änderung im marinen Ökosystem.“
Die Wassermassen im Kongsfjord erwärmen sich Berge zufolge über die ganze Wassersäule hinweg um 0,1 Grad im Jahr, also um nicht weniger als 2 Grad in nur 20 Jahren. Zwei Grad reichen völlig aus, um den ozeanographisch-ökologischen Charakter eines Meeresgebietes drastisch zu verändern – und die Erwärmung bleibt nicht stehen. Der Charakter des Kongsfjords hat sich in dieser Zeit von „arktisch“ zu „atlantisch“ geändert. Ozeanographisch bedeutet das zunächst, dass das Wasser wärmer und salziger ist.
Das Ökosystem: Plankton und Seevögel
Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für das Ökosystem. Hocharktisches, fettreiches Plankton wie der Ruderfußkrebs Calanus glacialis wird zunehmend von seinen subarktischen und weniger fettreichen Verwandten Calanus finnmarchicus und Calanus hyperboreus verdrängt, was Folgen hat für Seevögel, die sich von Plankton ernähren. Gerade die hocharktischen, bislang sehr zahlreichen Krabbentaucher futtern vorzugsweise den energiereichen Calanus glacialis. Müssen sie mehr und mehr auf die weniger energiereichen Verwandten ausweichen, wird die Ernährung immer problematischer.
Krabbentaucher an der Westküste Spitzbergens.
Die jüngere Vergangenzeit zeigt, dass die Brutbestände von Seevögeln fast überall im Nordatlantik schrumpfen. Den Krabbentauchern scheint es dabei noch recht gut zu gehen, allerdings ist es sehr schwer, diese sehr kleinen, unsichtbar unter Felsen brütenden Vögel zu zählen. Bei Lummen, Papageitauchern und Möwen ist der Fall klar, hier sind manche Kolonien in Nordnorwegen seit den 1980er Jahren praktisch kollabiert. Verschwunden.
Das Fjordeis: Ringelrobben und Seehunde
Ein anderer Aspekt ist, dass der Kongsfjord seit etwa 15 Jahren kaum noch zufriert. Ringelrobben, einst die zahlreichsten Robben der Fjorde Spitzbergens, brauchen das Fjordeis im Frühjahr, um ihren Nachwuchs zur Welt zu bringen und um sich auszuruhen. Mittlerweile sieht man an der Westküste Spitzbergens die auch aus der südlichen Nordsee bekannten Seehunde deutlich häufiger als die äußerlich sehr ähnlichen Ringelrobben. Seehunde kommen in Spitzbergen schon seit Jahrtausenden natürlich vor und diese Beobachtung mag zufällig sein, aber sie passt in die wissenschaftlich bestätigte Entwicklung der Entwicklung der Fjorde von einem hocharktisch geprägten Ökosystem zu einem atlantischen.
Hocharktische Ringelrobbe (links), subarktischer Seehund.
Beide leben an der Westküste Spitzbergens.
Fische, Muscheln und Temperaturrekorde
Darüber hinaus spricht Berge von einer Veränderung der Artenzusammensetzung bei Fischen und Muscheln. Arten wie Hering und Lodde, die man nicht in hocharktischen Fjorden erwarten würde, breiten sich aus, wie auch Miesmuscheln.
Immer häufiger in Spitzbergen: Miesmuscheln.
Globale Klimaerwärmungen machen sich an den Polen stärker bemerkbar als in niedrigen Breiten, man geht um einen Faktor von drei bis vier aus, um den sich die Arktis stärker erwärmt als andere Regionen. Wenn man hofft, dass die Klimaänderung irgendwie noch auf eine Erwärmung von 1,5-2 Grad begrenzt werden kann, dann ist diese Zahl das globale Mittel. Für die Arktis kann man das mit drei oder vier multiplizieren.
Seit Jahren werden in Spitzbergen regelmäßig Rekordtemperaturen gemessen, zuletzt am 11. August mit 20,3 Grad, dem höchsten je an einem Augusttag bei Longyearbyen gemesssenen Wert.
Auch die bislang hocharktischen Fjorde im Nordosten Svalbards werden von dieser Entwicklung nicht unberührt bleiben. Das bestätigt sowohl der regelmäßige Blick auf die Eiskarte als auch das eigene Erleben in den Fjorden des Nordaustlands und in der Hinlopenstraße, wo die früher weitverbreiteten Wassertemperaturen um 0 Grad heute eher selten und kleinräumig vorzufinden sind, vor allem in der südlichen Hinlopenstraße und auf der Südseite des Nordaustlandes, wo der kalte, aus dem arktischen Becken kommende Ost-Spitzbergen-Strom noch seinen Einfluss geltend macht. In der nördlichen Hinlopenstraße und in den Fjorden im Westen und Norden des Nordaustlands und bis hinauf zu den Sjuøyane findet man immer häufiger Wassertemperaturen von 6-8 Grad und damit einen Hinweis auf den stärker werdenden Einfluss milden Atlantikwassers (Golfstrom).
Früher nur selten eisfrei, heute im Sommer regelmäßig:
Fjorde an der Nordküste des Nordaustlandes.
Der Arktische Ozean: von weiß zu blau
Das Meereis des Arktischen Ozeans ist zugleich Opfer und Antreiber dieser Entwicklung. Das ist einer dieser Rückkopplungseffekte im globalen Klimasystem, wo die Wirkung verstärkend auf die Ursache wirkt. In diesem Fall ist es so, dass eine durch Erwärmung eisfrei gewordene Wasserfläche Sonnenstrahlen verstärkt nicht mehr reflektiert, sondern aufnimmt und in Wärme umsetzt, wodurch wiederum noch mehr Eis schmilzt und noch größere Wasserflächen Sonnenstrahlen … und so geht es weiter.
Einer kürzlich in Nature Communications veröffentlichen Studie zufolge könnte der Arktische Ozean schon um das Jahr 2030 herum tageweise eisfrei werden. In dieser Studie hat man die Entwicklung erstmals nicht monatsweise, sondern tageweise betrachtet. Ein in wenigen Jahren tageweise eisfreier Arktischer Ozean könnte demzufolge zu sehen sein, wenn auf warme Winter mit wenig Eisbildung warme Frühsommer mit hohem Eisverlust folgen.
Der Arktische Ozeans der Zukunft: zunehmend blau statt weiß.
Auf der anderen Seite beschreibt die Studie auch Szenarien, denen zufolge ein eisfreier Arktischer Ozean bis zum Jahr 2100 nicht zu beobachten sein wird. Beide Möglichkeiten sind eher Extremszenarien, die reelle Entwicklung mag irgendwo dazwischen liegen. Oder eben auch nicht, auch die Extremszenarien sind den wissenschaftlichen Modellen zufolge eben möglich.
Wie Jørgen Berge dem Barentsobserver gegenüber sagte: „Es ist wahrscheinlich, dass der zentrale Arktische Ozean sich von einem weißen (eisbedeckten) Ozean hin zu einem blauen (offenes Wasser) Ozean entwickeln wird. Was das bedeutet, wissen wir nicht.“
Natürlich wird die Kategorie „Fernsehtipps“ auf dieser Seite prinzipiell schon gut bedient, aber dieser Hinweis verdient besondere Beachtung: Auf unserer Fahrt mit der Antigua im September war ein NDR-Filmteam dabei und man darf auf die Aufnahmen der drei und den daraus entstandenen Film sehr gespannt sein!
Zu sehen ist „Spitzbergen und ein Segelschiff – Mit der „Antigua“ im Nordpolarmeer“ am zweiten Weihnachtsfeiertag, also Donnerstag, 26.12., um 19.00 Uhr auf NDR. Wer es dann nicht schafft, kann am Sonntag (29.12.) um 14.30 Uhr einschalten oder in die Mediathek schauen.
Sollte man sich keinesfalls entgehen lassen!
Die Antigua im September, hier im Forlandsund und demnächst im Fernsehen auf NDR.
Vor einer Weile hatte ich mal damit angefangen, die Geschichten der Bilder im neuen Fotobuch „Spitzbergen – Kalte Schönheit“ zu erzählen, und das wollte ich fortführen. Da beziehe ich auch den Kalender mit ein, und um den geht es hier und jetzt, da ich endlich mal dazu komme, das wieder aufzugreifen.
Der Kalender 2025 ist ja ein Doppelkalender, Spitzbergen und Grönland sind mit jeweils 12 Bildern präsentiert. Hier sind nun der November und der Dezember dran, also vier Bilder insgesamt.
Kalender „Spitzbergen & Grönland 2025“: der November
Vom Herbst erhofft man sich in der Arktis schönes Licht. Tiefstehende Sonne, Sonnenuntergänge. Natürlich scheint in Spitzbergen im November die Sonne gar nicht mehr, die Polarnacht beginnt ja schon Ende Oktober. Das Spitzbergen-Bild für die Novemberseite entstand eines wunderschönen Tages Ende August 2022, auf der ersten Spitzbergen-Umrundung mit der Meander überhaupt. Das Wetter war so richtig auf unserer Seite, und da kann man natürlich auch mal verrückte Stellen anlaufen, wo man sonst nicht hinkommt. Weil sie sehr exponiert sind, weil die ufernahen Gewässer unkartiert und flach sind.
Genau so ist es in der weitläufigen Diskobukt auf der Edgeøya. Da wird jede Welle schon vor dem Ufer schnell zum Brecher, und bei Niedrigwasser quirlt der Propeller schon weit vor der Küste im Matsch. Vernünftigerweise hält man sich von solchen Stellen im Alltag fern. Aber nicht jeder Tag ist Alltag, und nicht immer ist man vernünftig 😄 wo kämen wir ansonsten hin … ganz sicher nicht in diesen Teil der Diskobukta! (Nein, es geht hier nicht um die vergleichsweise gut bekannte Dreizehenmöwenkolonie weiter nördlich.) Wo wir am Abend dieses unvergesslichen Tages an Land waren und noch eine kleine Tour auf einen Hügel machten. So oft hatte ich ihn in der Vorbeifahrt aus weiter Entfernung schon gesehen und jedes Mal gedacht, eines Tages müsste man da mal hin … und das war eben dann die passende Gelegenheit! Die muss sich ergeben, das kann man nicht erzwingen.
Die Diskobukta ist mit „weitläufig“ schon sehr passend beschrieben. Karg, hocharktisch, ein weites, farblich finster daherkommendes Schwemmland. Zahlreiche Walknochen bringen Abwechslung in den sonst monotonen Eindruck, und das tolle Licht eines schönen Abends Ende August auf rund 78 Grad Nord tat das Seine.
Das Spitzbergen-November-Bild zeigt die Diskobukta auf der Edgeøya.
Jahre vorher war ich schon mal dort gewesen. Bei dieser Gelegenheit: Schneetreiben – und ein Eisbär am Ufer. War auch toll. Aber dieser Abend Ende August, wo wir an Land gehen konnten … unvergesslich! Das ist der Stoff, aus dem meine Spitzbergen-Träume gemacht sind. So schön, dass mir vor Ort schon klar war: Eines der Bilder kommt in den Kalender, sobald es passt. „Kalenderpotenzial“ ist hier mittlerweile der höchste fotografische Maßstab 🙂
Die weiteren Geschichten sind vergleichsweise schnell erzählt. Im Scoresbysund in Ostgrönland ist der Moschusochse ungefähr das, was für Spitzbergen der Eisbär ist: die meisten Touristen wollen ihn gerne sehen.
Nun stehen sie meistens irgendwo weit weg am Hang. Es gehört schon etwas Glück dazu, um sie aus der Nähe zu sehen. Und zu nah ist natürlich auch potenziell ungesund, zumal wenn man selbst zu Fuß unterwegs ist.
Eines schönen, frühwinterlichen Septembertages stimmte im Rypefjord, tief hinten im Scoresbysund, dann alles: Die Moschusochsen standen ziemlich ufernah und wir konnten sie vom Schiff – die schöne Ópal aus Island – aus gut sehen. Und sehr hilfreich: Ich hatte mein 600 Millimeter Objektiv dabei, das ganz große Gerät, das sonst immer konsequent in Spitzbergen bleibt und dort auch auf dem Schiff wohnt und nicht mit an Land rumgeschleppt wird. Für die Eisbären eben. Oder in Grönland für die Moschusochsen. Hier hatte sich der Aufwand dann gelohnt.
Das Grönland-November-Bild: Moschusochsen im Rypefjord.
Kalender „Spitzbergen & Grönland 2025“: der Dezember
Natürlich durften am Ende des Jahres die Nordlichter nicht fehlen. Der Dezember ist ja auch tiefste Polarnacht. Zu dieser Zeit kommt man natürlich nicht in die abgelegensten Winkel Spitzbergens. Warum sollte man auch, man kann die Nordlichter ja wunderbar im Adventdalen sehen, gar nicht weit von Longyearbyen weg.
Das Spitzbergen-Dezember-Bild: Nordlicht über dem Adventdalen.
Große Teile Grönlands, darunter der Scoresbysund, sind zur Nordlichtbeobachtung eigentlich noch besser als Spitzbergen, wo man schon nördlich der heißen Aurorazone ist. Im Scoresbysund ist man da genau richtig, da ist viel los, wenn es nur nachts dunkel wird. Und das ist aufgrund der südlicheren Lage ja auch schon früher der Fall, der September ist da schon ein ziemlich verlässlicher Monat. In diesem Bild sehen wir das Nordlicht über den Bjørneøerne, mit dem großartigen Øfjord und dem markanten Berg Grundtvigskirke im Hintergrund.
Das Grönland-Dezember-Bild: Nordlicht über den Bjørneøerne.
Klar, Longyearbyen liegt ja auch im Adventfjord 🤪😵💫 das ist tatsächlich nicht nur eines meiner berüchtigten superflachen Wortspiele, sondern auch ein gar nicht so seltenes Missverständnis. Der Name Adventfjord hat nichts mit der Vorweihnachtszeit zu tun, sondern mit einem englischen Walfangschiff, der Adventure, das im 17. Jahrhundert dort war.
Aber darum soll es ja hier und jetzt gar nicht gehen, sondern um den Beginn der Adventszeit in Longyearbyen. Einen Weihnachtsmarkt gibt es auch hier, beziehungsweise sogar zwei. Diese sind allerdings etwas anders als man das üblicherweise so kennt. An zwei Wochenenden, Mitte November und am nun vergangenen, bauten die fleißigen und kreativen Künstler, Handwerker und alle, die sich dazwischen bewegen, ihre Stände auf, erst im Kulturhaus im Zentrum und am ersten Adventswochenende im Künstlerzentrum (kunstnersentrum) in Nybyen oben im Tal, wo früher die Galerie war. Leider keine gebrannten Mandeln und kein Glühwein, aber viel tolles Kunsthandwerk made in Longyearbyen, darunter Eva Grøndal von der gleichnamigen lokalen Fotografendynastie (erstes Bild) und Wolfgang Hübner-Zach von der vielleicht dem einen oder der anderen nicht unbekannten Schreinerwerkstatt Alt i 3 (genau, da kommen die schönen Küchenbrettchen und die Treibholz-Bilderrahmen her 😉). Und viele andere tolle Sachen, da konnte man prima stöbern und sehr feine Dinge finden. Lenas täuschend echte Schokoladenfossilien, der Hammer! Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.
Klicken Sie auf die Bilder, um eine vergrößerte Darstellung des Bildes zu erhalten.
Und dann gibt es natürlich am Nachmittag des ersten Adventssonntags den traditionellen Fackelzug – es ist ja dunkel, dafür wird im betreffenden Gebiet auch die Straßenbeleuchtung abgeschaltet – vom Huset aus zunächst zum Weihnachtsmann-Briefkasten unterhalb der alten Grube 2b, der „julenissegruve“ (Weihnachtsmanngrube). Dort oben arbeitet der Weihnachtsmann fleißig, daher ist in dieser alten Kohlegrube, wo sich eigentlich seit 1964 nichts mehr tut, nun auch bis Weihnachten wieder Licht. Und unten an der Straße steht der Briefkasten, in den die Kinder (auch die großen, wenn sie wollen) ihre Briefe mit allen Wünschen an den Weihnachtsmann einwerfen.
Weiter geht es zum Zentrum, wo der Weihnachtsbaum „angezündet“ wird. Das ist die wörtliche Übersetzung, die mindestens so missverständlich ist wie „Adventfjord“. Natürlich gibt es dabei warme Worte, fröhlichen Gesang und gute Laune und zuguterletzt kommt der Weihnachtsmann mit seinen Assistenten und verteilt schon mal einen kleinen Vorschuss an die vielen Kinder.
Klicken Sie auf die Bilder, um eine vergrößerte Darstellung des Bildes zu erhalten.
Damit ist die Adventszeit in Longyearbyen eröffnet, und überall sonst natürlich auch. Ich wünsche allerseits eine frohe und gute Adventszeit!
Im Dezember ist viel los auf der Mattscheibe in Sachen Arktis. Besser ist das auch, schließlich ist Polarnacht.
Der heimcineastische Höhepunkt wird ohne Frage die NDR-Dokumentation unserer Fahrt mit der Antigua im September sein! Zu sehen am 26. und 29.12. auf NDR. Ich bin gespannt!
In Longyearbyen steht der Fernseher unter dem Weihnachtsbaum.
Die Listen werden bei Bedarf aktualisiert. Sachdienliche Hinweise werden von jeder Spitzbergen.de-Dienststelle entgegengenommen.
Margas Arktis-Fernsehtipps auf Arte im Dezember
Es wird wohl kaum jemanden wirklich überraschen angesichts des warmen Sommers mit neuen Temperaturrekorden, etwa der wärmsten je in Spitzbergen gemessenen Temperatur im Monat August: Die Gletscher der Arktis haben dieses Jahr massiv gelitten. Insbesondere in Spitzbergen, wo der Klimawandel sieben (!) Mal schneller verläuft als im globalen Mittel, wie die Glaziolgin Emma Wadham von der Universität Tromsø dem Barents Observer mitteilte. Allein am rekordwarmen 23. Juli 2024 verloren die Gletscher 55 Millimeter Wasseräquivalent, das fünffache des normalen Wertes, so der Klimatologe Xavier Fettweis von der Universität von Liège, der Satelittenbilder auswertete. Und das war nur ein Tag innerhalb einer wochenlangen Periode, in der die Temperaturen im Schnitt etwa 4 Grad über dem langfristigen Mittel für diesen Zeitraum lagen.
Schmelzwasser auf der Oberfläche eines Gletschers.
Der Trend zur Schmelze ist in Spitzbergen besonders ausgesprägt, aber in der gesamten Arktis deutlich vorhanden. Der Eisverlust an Land hat wiederum Rückkopplungen auf das Klima: Land absorbiert mehr Sonnenstrahlung als Eis und Schnee und wärmt sich daher noch schneller auf, in etwas geringem Ausmaß trifft das auch auf blankes Eis zu im Vergleich zu Schnee.
Rand einer kleinen Eiskappe auf der Storøya im Nordosten von Svalbard. Auf der Oberfläche der Eiskappe sind zahlreiche kleine Schmelzwasserrinnen sichtbar. Der nasse Firn und blankes Eis absorbieren deutlich mehr Sonnenstrahlung als trockener, weißer Schnee, was zu erhöhtem Schmelzen führt. Auch das eisfreie Land, das neben der Eiskappe zum Vorschein kommt, kann die Sonnenstrahlung deutlich besser in Wärme umsetzen.
Eine weiteres Thema ist der Einfluss auf das marine Ökosystem: In das früher meist klare Wasser der Fjorde und küstennahen Gewässer wird in immer größeren Mengen Schmelzwasser eingetragen, das aufgrund seiner Sedimentfracht trüb ist und nur wenig Licht durchlässt. Das hat wiederum Auswirkungen auf das Algenwachstum, das wegen der Photosynthese von Licht abhängig ist.
Am Donnerstag (21.11.) hat das norwegische Parlament in Oslo, der Storting, die neue Svalbardmelding angenommen. Die Svalbardmelding ist ein Strategiepapier der Regierung, die darin die Leitlinien ihrer Politik für die nächsten 5-10 Jahre darlegt. Sie ist für sich selbst genommen noch keine umgesetzte Politik, sondern eine parlamentarisch bestätigte Absichtserklärung der Regierung für die künftige Politik, so wie man sie sich derzeit auf Regierungsebene vorstellt.
Holen wir etwas weiter aus. Generell bilden die folgenden fünf Grundsätze den Rahmen für die norwegische Svalbardpolitik:
Eine konsequente, stetige Aufrechterhaltung norwegischer Souveränität.
Erhaltung norwegischer Siedlungen auf der Inselgruppe.
Norwegische Flaggen in Longyearbyen (am Nationalfeiertag am 17. Mai): Longyearbyen und ganz Svalbard sind und bleiben norwegisch. Longyearbyen darf aber gerne wieder etwas norwegischer werden. Sysselmester Lars Fause (vorne rechts) ist der höchste Repräsentant der norwegischen Regierung vor Ort.
Und was steht nun drin?
Ziemlich viel, es sind über 80 Seiten, man kann das Dokument auf der Seite der norwegischen Regierung herunterladen. Zudem hat die Regierung in den letzten Jahren schon einiges umgesetzt, etwa die Reform des lokalen Wahlrechts in Longyearbyen, die die allermeisten Ausländer das Wahlrecht gekostet hat, und neue Regeln für den Tourismus, die am 1.1.2025 in Kraft treten, um nur zwei prominente Beispiele zu nennen. Energie und Wohnen sind weitere zentrale Bereiche, siehe unten.
Einige wichtige Punkte der neuen Svalbardmelding:
Psychische Gesundheit
Menschen mit psychischen Problemen gibt es überall auf der Welt und natürlich auch in Spitzbergen. Wer in Longyearbyen mit akuten psychischen Problemen konfrontiert ist, hat aber keine professionellen Hilfsangebote. Das könnte in jüngerer Vergangenheit zwei Menschen das Leben gekostet haben: Zwei Suizide hatte Longyearbyen 2023 zu beklagen.
Es ist vor allem dem Engagement der politischen Jugend Longyearbyens zu verdanken, dass die Regierung hier die Situation verbessern will. Applaudieren will man laut NRK aber erst, wenn tatsächlich ein Psychologe in Longyearbyen seinen Dienst antritt.
Luftfracht
Man muss nicht alles, was man bestellt, in Echtzeit geliefert bekommen, schon gar nicht am Ende der Welt. Aber eine zeitgemäße Versorgung mit Gütern aller Art, etwa auch mit Frischwaren, soll in Longyearbyen rund ums Jahr gewährleistet sein. Um die Frachtflüge der norwegischen Post nach Longyearbyen hatte es einige Diskussionen und Unsicherheiten gegeben. Nun gibt es von der Regierung Geld, um diese Fluglogistik, bei der es natürlich um mehr geht als um Äpfel und Bananen, zu erhalten. Wie das langfristig aufgestellt werden soll, ist allerdings noch offen.
Leere Regale im Svalbardbutikken (Coop Svalbard) in Longyearbyen: kommt vor, soll kein Dauerzustand sein.
Niedrige Steuern und Abgaben
Svalbard soll weiterhin ein Niedrigsteuergebiet sein. Die Hintergründe liegen im Spitzbergenvertrag, kurz gesagt soll Norwegen als Staat nicht durch Steuern und Abgaben profitieren. Daher gibt es auf Spitzbergen keine Mehrwertsteuer und andere Steuern und Abgaben sind ebenfalls oft niedriger als auf dem Festland. Das soll auch so bleiben, aber einzelne Anpassungen sind möglich.
Wohnen und Bevölkerung
Hier dürfte es für viele deutlich spannender werden. Die Regierung will die Größe von Longyearbyen auf dem Niveau vor der tödlichen Lawine vom 19. Dezember 2015 einfrieren, darüber hinaus soll Longyearbyen nicht wachsen. Und vor allem soll der norwegische Anteil der Bevölkerung möglichst steigen.
Bau eines Wohnhauses in Longyearbyen. Der Eindruck, dass der Ort kräftig wächst, trügt:
Es wird ersetzt, was nach der Lawine von 2015 verlorenging.
Derzeit leben laut norwegischem statistischem Zentralbüro (SSB) 2595 Menschen in Longyearbyen und Ny-Ålesund, darunter 1621 Norweger, also rund 63 %. Das ist der Regierung zu wenig. Tatsächlich ist der norwegische Bevölkerungsanteil seit Jahren gesunken, was unter anderem mit der Schließung norwegischer Kohlebergwerke in Sveagruva und Longyearbyen zu tun hat: Bei diesen gut bezahlten und früher sicheren Industriearbeitsplätzen war ein hoher Anteil der Arbeitnehmer norwegisch. Die in früheren Svalbard-Strategiepapieren formulierte Strategie, Bergbau perspektivisch durch höhere Bildung, Forschung und Tourismus zu ersetzen, erwies sich hier aus Sicht der Regierung als kontraproduktiv, denn die Arbeitsplätze in diesen Bereichen sind deutlich stärker international besetzt als im Bergbau. Hier will die Regierung gegensteuern (Kommentar: in diesem Licht darf man auch die am 1.1.2025 in Kraft tretenden Regeln sehen; die politische Enttäuschung über den relativ niedrigen norwegischen Anteil bei den entstehenden Arbeitsplätzen im Tourismus dürfte dabei mindestens so wichtig sein wie der hier wohl eher vorgeschobene Umweltschutz. Kommentar Ende.).
Die Wohnungspolitik, schon lange ein Aufregerthema im von Wohnungsknappheit geprägten Longyearbyen, ist schon seit einer Weile ein Werkzeug, das die Regierung einsetzt, um den norwegischen Bevölkerungsanteil zu erhöhen: Auch wenn das Gesamtangebot an Wohnraum das Niveau von 2015 nicht übersteigen soll, bietet die Restrukturierung, die sich nach den Lawinen zwangsläufig ergeben hat (über 100 Wohnungen wurden als lawinengefährdet eingestuft und abgerissen) auch die Gelegenheit, die Eigentumgsverhältnisse neu zu ordnen. Der private Wohnungsmarkt wird reduziert, der Anteil staatlicher Wohnungen wächst zugunsten von Arbeitnehmern großer, direkt oder indirekt staatlicher / öffentlicher Akteure, bei denen der Anteil norwegischer Arbeitskräfte höher ist als etwa in der Dienstleistung. Zu diesen Akteuren zählen Lokalstyre (kommunale Verwaltung), Sysselmester, UNIS, Folkehøgskole (Bildung) und weitere.
Zudem soll das Leben in Longyearbyen insbesondere für den norwegischen Bevölkerungsanteil weiterhin attraktiv bleiben. Hier besteht wohl Handlungsbedarf, denn die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im ohnehin von recht hoher Fluktuation geprägten Longyearbyen sinkt.
Energie
Und was nützt die schönste Wohnung, wenn kein Saft aus der Steckdose kommt und die Heizung kalt bleibt? So schlimm steht es nicht, aber das Szenario ist nicht auszuschließen in dem kleinen Ort Longyearbyen, dessen Energieversorgung sich dadurch auszeichnet, dass es nicht Teil eines überregionalen Netzes ist. Das Thema Energie ist in Longyearbyen schon lange heiß diskutiert. Dabei geht es einmal um die kräftig steigenden Preise für Strom und Fernwärme, aber auch um die Versorgungssicherheit und darum, wo die Energie langfristig herkommen soll. Die Zeit der Kohle als Energieträger in Longyearbyen ist vorbei und das derzeitige Dieselkraftwerk verfehlt alle Ansprüche an Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaneutralität. Von der früher gehegten Vorstellung, hier auf internationalem Niveau ein Vorbild zu sein, ist die heutige Realität weit entfernt; derzeit ist man schon froh, wenn in der kalten Zeit die Heizungen laufen und der Strom zumindest halbwegs bezahlbar ist, auch wenn dabei die Regierung mit Geld (gestützte Strompreise) und das Militär mit zusätzlichen mobilen Generatoren aushelfen müssen.
Wie auch immer die Energieversorgung der Zukunft in Longyearbyen aussieht: Der Staat, vor Ort vertreten durch den bisherigen Bergbaubetrieb Store Norske Spitsbergen Kulkompani, wird dabei wohl eine stärker werdende Rolle spielen.
Besucherbeitrag
Die Regierung will, dass Touristen über einen Besucherbeitrag einen höheren Anteil zum öffentlichen Einkommen beitragen. Dieser Beitrag soll bis zu 5 % betragen, die etwa bei Hotelübernachtungen dazu kommen würden; Schiffspassagiere könnten mit einer Pauschale von beispielsweise 150 Kronen belegt werden. Auf dem norwegischen Festland gibt es derartiges bereits; dort kommen die Einnahmen vollständig den jeweiligen Kommunen zugute. In Spitzbergen will der Staat sich ein Recht auf einen Teil der Einnahmen vorbehalten.
Es gibt in Spitzbergen bereits seit 2007 eine „Umweltgebühr“ (miljøgebyr) von 150 Kronen, die in Flugtickets enthalten ist und von Schiffen, die Passagiere nach Spitzbergen bringen, entrichtet wird. Diese Umweltgebühr wird vom Svalbard Miljøvernfond verwaltet, bei dem jeder in Longyearbyen Anträge auf finanzielle Unterstützung von Projekten mit Umweltaspekt stellen kann. Die Umweltgebühr ist nicht Teil der aktuellen Diskussion, der Besucherbeitrag kommt ggf. zusätzlich.
Bis das passiert, wird es wohl noch einigen Gesprächsbedarf geben, etwa mit Blick darauf, wer von den Einnahmen profitiert und wozu diese verwendet werden können.
In Skjervøy haben wir trotz Regen noch eine kleine Tour auf einen der Aussichtspunkte der Insel gemacht. Der Regen hat auch bald aufgehört, so dass eine feine kleine Wanderung mit einem schönen Blick auf den nächtlichen Hafen daraus wurde.
Heute früh ging es dann los, noch eine letzte Runde durch Kvænangen – nicht ohne ein paar letzte Wale – und dann nach Hamnes, einem der wenigen Orte der Region, in denen der historische Charme lange vergangener Zeiten noch bewahrt ist. Die meisten Orte in Nordnorwegen wurden 1944/45 von der Wehrmacht zerstört.
In Hamnes haben wir uns noch umgeschaut, und dann haben wir es uns an Bord nett gemacht und die Fahrt gefeiert. Kapitän Douwe sagte sinngemäß: „the worst weather, the best whales“. Da ist etwas dran.
Galerie Skjervøy, Kvænangen und Hamnes – 17. November 2024
Das Warten in Manndalen hat sich gelohnt. Abgesehen davon, dass es da ja sowieso nicht schlecht war, haben wir jetzt in Kvænangen … nun ja … sturmfreie Bude, meteorologisch gesehen.
Was soll man sagen? Es hat keine halbe Stunde gedauert, bis die ersten Wale auftauchten. Schwertwale, gefolgt von Buckelwalen. Vielen Buckelwalen. Und ein paar Finnwalen. Unglaublich. Was für ein Tag! Schaut euch die Bilder an, so ging das stundenlang.
Abends haben wir dann in Reinfjord angelegt. Wobei „abends“ hier spätestens um 15 Uhr losgeht, mittlerweile. Sonnenuntergang war heute um 13:08 Uhr …
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Und weil’s so schön war, haben wir am Samstag gleich noch weitergemacht. Wale sind der Schwerpunkt der Reise, und ich würde sagen, da liegen wir gar nicht schlecht im Rennen 🐳 😀
Schon wieder zieht ein kräftiges Sturmtief an der Küste vorbei. Um Wind und Wellen auszuweichen, haben wir uns tief in den Lyngenfjord verzogen, nach Manndalen. Ein interessanter Ort, Treffpunkt der Kulturen: Kvenen, Norweger und Sami leben hier seit alter Zeit in mal mehr, mal weniger harmonischer Nachbarschaft. Den Sami ist hier ein sehr interessantes Museum/Kulturzentrum gewidmet, das „Senter for nordiske folk“. Das haben wir uns natürlich angeschaut.
Den dunklen Teil des Tages haben wir mit Vorträgen und einem Filmabend gefüllt.
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Wenn schon Sturm, dann richtig Sturm. So ein Tief braucht gerne mal zwei Tage, um durchzuziehen. Daher haben wir direkt noch einen weiteren Tag in Manndalen drangehängt. Den ganzen Tag über herrschte Schneetreiben. Vormittags haben wir eine Runde um das Tal gedreht, Bewegung und frische Luft müssen sein, und der landschaftliche Eindruck der nun immerhin von etwas Schnee bedeckten Berge ist schön.
Auch den heutigen Nachmittag haben wir uns wieder mit Vorträgen vertrieben. Jetzt könnte der Sturm gerne mal weiterziehen …
Es ist einerseits nur einer bürokratische Randnotiz, die aber andererseits politisch interessant ist und zudem einen Einblick bietet, wie der Spitzbergenvertrag umgesetzt wird: Anfang August hätte ein amerikanisches Militärflugzeug aus Mitteleuropa mit Zwischenlandungen in Bergen, Bodø und Tromsø möglicherweise nach Longyearbyen und wieder zurück fliegen sollen. Die norwegischen Behörden haben aber laut Svalbardposten keine Genehmigungen für die Landung in Longyearbyen gegeben.
Flughafen bei Longyearbyen: Militärflugzeuge nicht willkommen.
Oft wird gesagt, dass Spitzbergen laut Spitzbergenvertrag von 1920 (in Kraft seit 1925) demilitarisierte Zone sei. Das ist nicht korrekt: Verboten ist den Vertragsstaaten einschließlich Norwegen der permanente Betrieb militärischer Einrichtungen wie einer Marine- oder Luftwaffenbasis. Die vorübergehende Präsenz etwa eines Militärschiffes oder -flugzeuges ist aber kein Vertragsbruch. So sind regelmäßig norwegische Küstenwachenschiffe in den Gewässern Spitzbergens präsent (die Küstenwache ist in Norwegen Teil des Militärs). Auch militärisches Personal kann sich vorübergehend in Spitzbergen aufhalten, etwa zu offiziellen Besuchen oder um in zivilen Belangen zu helfen, beispielsweise mit Generatoren zur Energieversorgung wie im letzten Winter.
Es stünde Norwegen damit frei, auch militärischen Flugzeugen, Schiffen oder Personal anderer Länder den vorübergehenden Aufenthalt zu genehmigen. Damit ist die Regierung in Oslo aber sehr restriktiv: Würden sie eine solche Genehmigung den Amerikanern ausstellen, könnten sie sie beispielsweise den Russen schlecht verweigern, denn das Gleichbehandlungsprinzip ungeachtet der Nationalität ist ein wichtiger Teil des Spitzbergenvertrages. Und man will nachvollziehbarerweise keine Präzedenzfälle schaffen, auf die Russland sich anschließend berufen könnte.
Auf amerikanischer Seite hieß es, ein fraglicher Flug nach Longyearbyen sei nie geplant gewesen, die Anfrage sei fälschlicherweise gestellt worden.
Tromsø! Man kann immer wieder tolle neue Sachen entdecken. Zum Beispiel den wirklich spannendsten Buchladen der Stadt, ziemlich versteckt in der Sjøgata 20. Man sollte keinen allzu großen Rucksack dabei haben (aber einen Rucksack mit Platz für Bücher).
„Tromsø frimerke og mynt“: der spannendste Buchladen der Stadt!
Auf ein Neues! Einmal darf ich noch, definitiv dieses Jahr die letzte Runde „Norden unter Segeln“. Mit der Antigua zu den Nordlichtern und Schwertwalen.
Nordlichter gab’s direkt am ersten Abend! Die Wale müssen noch etwas warten (ihnen wird es nicht viel ausmachen). Das Wetter … unglaublich, ein Sturm jagt den anderen, aus Kvænangen halten wir uns erst mal fern. Geduld, das wird schon.
Wie gesagt, die letzte Nacht war lang, oder kurz, je nachdem, wie man es betrachtet. Stichwort Nordlichter. Es war einiges los gewesen … herrlich!
Nach einer Runde im kleinen Ort Hamnes und einem kleinen Waldspaziergang mit Blick auf die beeindruckenden Lyngenalpen haben wir abgelegt. Bald darauf gingen im Lyngenfjord die Segel hoch. Vor dieser Kulisse unter Segeln … was für ein schöner Abschluss für diese Fahrt!
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Nun sind wir auf dem Weg nach Tromsø, und dieser Blog-Beitrag ist der letzte für diese Fahrt. Denke ich jedenfalls, man weiß ja nie, was noch so kommt … diese Reise war wirklich speziell, mit Wetter, das die Bezeichnung „extrem“ wirklich verdient. Und doch war’s eine tolle Fahrt, schön und erlebnisreich, bei guter Stimmung. Danke an alle, die dabei waren!
Norwegens arktischer Norden (1): Spitzbergen
vom Polarlicht bis zur Mitternachtssonne. Ein erzählend-informativer, üppig illustrierter Bildband, thematisch und geographisch rund um die schönen Inseln im Norden.