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HomeSpitz­ber­gen Lan­des­kun­de und Rei­se­tippsGeschich­te → Rus­si­scher Berg­bau im 20. Jahr­hun­dert

Russischer Bergbau auf Spitzbergen

Die Anfänge von Barentsburg, Colesbukta/Grumant und Pyramiden

Barentsburg

Bar­ents­burg (2009). Hier (ein­schließ­lich Heerodden/“Kapp Heer“) fin­det seit 1932 Berg­bau durch rus­si­sche Gesell­schaf­ten stat, unter­bro­chen nur 1941-1946. Die his­to­ri­schen Wur­zeln des rus­si­schen Koh­le­berg­baus auf Spitz­ber­gen rei­chen aber bis 1912 zurück.

Neben den Nor­we­gern sind die Rus­sen die ein­zi­gen, die über gro­ße Tei­le des 20. Jahr­hun­derts auf Spitz­ber­gen Berg­bau betrie­ben haben und das bis heu­te tun. Über die Geschich­te der rus­si­schen Sied­lun­gen, die Anfän­ge von Bar­ents­burg, Cole­s­buk­ta, Grum­ant­by­en und Pyra­mi­den, sind jedoch erstaun­lich weni­ge Infor­ma­tio­nen ver­füg­bar.

Die­se Sei­te soll ver­su­chen, die Anfän­ge der Geschich­te des rus­si­schen Berg­baus auf Spitz­ber­gen zusam­men­zu­fas­sen. Aus die­sen frü­hen Akti­vi­tä­ten haben sich die heu­te noch exis­tie­ren­den Sied­lun­gen Bar­ents­burg und Pyra­mi­den ent­wi­ckelt, zu denen es jeweils eige­ne, infor­ma­ti­ve Sei­ten gibt, sowie Cole­s­buk­ta und Grum­ant­by­en, die man aber als eine Dop­pel­sied­lung betrach­ten soll­te.

Grubeneingang/oder Entlüftungsschaft, Barentsburg

Gru­ben­ein­gang (oder Ent­lüf­tungs­schaft) bei Bar­ents­burg.

Im spä­ten 19. Jahr­hun­dert wur­den auf Spitz­ber­gen Koh­le und ande­re Boden­schät­ze vor allem von schwe­di­schen Geo­lo­gen ent­deckt. Das sprach sich bald auch bis nach Russ­land her­um. Dort war die Fra­ge der Ver­sor­gungs­si­cher­heit an der roh­stoff­ar­men Nord­küs­te – von Öl und Gas war damals natür­lich noch nichts bekannt – dring­lich und offen. Zudem war die rus­si­sche Ost­see­flot­te von eng­li­scher Koh­le abhän­gig, was natür­lich poli­tisch gar nicht gewünscht war. Damit hat­te Russ­land ein Inter­es­se an einer vom Aus­land unab­hän­gi­gen Ver­sor­gung mit Koh­le im Nor­den.

Rus­a­nov und Samoi­lo­witsch

Kauf­leu­te aus Ark­han­gelsk rüs­te­ten 1912 eine Spitz­ber­gen-Expe­di­ti­on unter Vla­di­mir Alex­and­ro­vitsj Rus­a­nov aus. Einer der Teil­neh­mer war Rudolf Lasa­re­witsch Samoi­lo­witsch, ein ursprüng­lich im erz­ge­bir­gi­schen Frei­berg aus­ge­bil­de­ter Berg­in­ge­nieur. Spä­ter wur­de Samoi­lo­witsch ein füh­ren­der Polar­for­scher und Geo­lo­ge in Russ­land. Aus sei­nen Akti­vi­tä­ten ging u.a. 1920 das Ark­ti­sche und Ant­ark­ti­sche For­schungs­in­sti­tut in St. Peters­burg. In der rus­si­schen Ark­tis-For­schungs­ge­schich­te nimmt er damit eine ähn­li­che Posi­ti­on ein wie Adolf Hoel in der nor­we­gi­schen Polar­sze­ne des frü­hen 20. Jahr­hun­derts.

Rudolf Lasarewitsch Samoilowitsch

Rudolf Lasa­re­witsch Samoi­lo­witsch (1883-1939?).
Foto­graf unbe­kannt, gemein­frei – mit KI-kolo­riert

1937 war Samoi­lo­witsch an einer Expe­di­ti­on mit meh­re­ren Schif­fen in der rus­si­schen Ark­tis betei­ligt, die im Eis ste­cken­blie­ben und unge­plant über­win­tern muss­ten. Dar­un­ter befan­den sich die Eis­bre­cher Sad­ko, Maly­gin und Sedow und zahl­rei­che wei­te­re Schif­fe. Die Ver­ant­wor­tung für den unglück­li­chen Ver­lauf wur­de Samoi­lo­witsch in die Schu­he gescho­ben. Er wur­de nach Rück­kehr ver­haf­tet und 1939 oder 1940 in der Haft ermor­det.

Die rus­si­sche Spitz­ber­gen-Expe­di­ti­on 1912

Zurück zur Spitz­ber­gen-Expe­di­ti­on von 1912. Die­se soll­te mit Blick auf Koh­le­vor­kom­men geo­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen vor­neh­men, viel­ver­spre­chen­de Vor­kom­men in Anspruch neh­men und einen Über­blick über den übri­gen Berg­bau auf Spitz­ber­gen schaf­fen. Neben­her stan­den auch all­ge­mei­ne For­schung auf dem Pro­gramm, in den klas­si­schen Berei­chen Bota­nik, Zoo­lo­gie und Hydro­gra­phie. Die 14 Teil­neh­mer ver­lie­ßen Alex­and­rovsk auf der Kola­halb­in­sel am 26. Juni 1912 auf dem Motor­kut­ter Her­ku­les. In den nächs­ten Wochen unter­such­ten die For­scher die Nord­sei­te des Van Mijen­fjord, wobei Rus­a­nov und zwei Matro­sen von dort aus von dort zu Fuß das Gebiet bis zum Storfjord unter­such­ten. Wei­te­re Gebie­te wur­den im Isfjord unter­sucht, nament­lich Green Har­bour (Grønfjord), Advent­fjord, Skans­buk­ta und Cole­s­buk­ta. Ein schma­ler Strei­fen in N-S-Rich­tung zwi­schen Cole­s­buk­ta und Van Mijen­fjord wur­de in Besitz genom­men. Spä­ter folg­ten Unter­su­chun­gen in Trygg­ham­na und west­lich davon, auch ein Gebiet auf der West­sei­te der Borebuk­ta wur­de okku­piert. Dar­über hin­aus wur­den das Prins Karls For­land, der Kongsfjord und der Krossfjord ange­lau­fen.

Im Kongsfjord wur­de die Expe­di­ti­on am 18. August been­det. Samoi­lo­witsch und zwei wei­te­re Expe­di­ti­ons­mit­glie­der reis­ten mit einem nor­we­gi­schen Dampf­schiff zum Fest­land zurück. Rus­a­nov und alle übri­gen woll­ten die Arbeit mit der Her­ku­les in der Nord­ost­pas­sa­ge fort­set­zen. Dort ver­schwand das aber Schiff spur­los, und mit der Her­ku­les ver­schwan­den auch Rus­a­nov, zehn wei­te­re Men­schen und sämt­li­che For­schungs­er­geb­nis­se, soweit Samoi­lo­witsch sie nicht mit­ge­nom­men hat­te.

Vla­di­mir Rus­a­nov (1875-1913?).
Foto­graf unbe­kannt, gemein­frei – mit KI-kolo­riert.

Vladimir Rusanov

Samoi­lo­witsch sah Poten­zi­al für Koh­le­berg­bau in vier Gegen­den, auf die auch Ansprü­che ange­mel­det wer­den: die Nord­sei­te des Van Mijen­fjord, Spitz­ber­gens Ost­küs­te von Kval­vå­gen bis zur Agardhbuk­ta, die Isfjord-Küs­te zwi­schen Cole­s­buk­ta und Advent­fjord und die Borebuk­ta auf der Nord­sei­te des Isfjord. Dar­über hin­aus wur­den auch Ansprü­che in der Engelskbuk­ta, Skans­buk­ta und Rin­ders­buk­ta ange­mel­det.

Russisches Annexionsschild, Bohemanflya

„Moder­nes“ (von 1970) rus­si­sches Anne­xi­ons­schild auf der Bohem­an­flya.

Am 16. März 1913 grün­de­ten die Kauf­leu­te und Inter­es­sen­ten hin­ter der Expe­di­ti­on von 1912 die Gesell­schaft Han­dels­hu­set Grumant – A.g. Aga­fel­off & Co, die auch die Ansprü­che auf die Gebie­te auf Spitz­ber­gen über­nahm.

Die zwei­te Expe­di­ti­on (1913)

Vor­be­rei­tun­gen für Berg­bau began­nen 1913 mit einer Expe­di­ti­on, an der 25 Män­ner unter der Lei­tung von Samoi­lo­witsch auf zwei Schif­fen teil­nah­men. Die bei­den Schif­fe waren die Maria (600 Ton­nen, Ark­han­gelsk) und der klei­ne nor­we­gi­sche Kut­ter Grumant. Als Haupt­quar­tier wähl­te Samoi­lo­witsch die Ost­sei­te der Cole­s­buk­ta. Dort gin­gen die Arbei­ter an Land, um Berg­bau vor­zu­be­rei­ten. Zunächst wur­den je ein Wohn- und Lager­haus wer­den gebaut, dar­un­ter die Hüt­te am Rus­a­no­vod­den.

Colesbukta

Die Cole­s­buk­ta. Hier hat­ten die rus­si­schen Expe­di­tio­nen bis 1915 ihr Haupt­quar­tier.

Es zeig­te sich, dass das anvi­sier­te Flöz in der Cole­s­buk­ta unter dem Mee­res­spie­gel lag, aber gleich­zei­tig wur­de ein zwei­tes Flöz wur­de gefun­den, das in 60 m Höhe im „zwei­ten klei­nen Tal öst­lich der Cole­s­buk­ta anstand, als im Grum­ant­da­len. Dort wur­den Unter­su­chun­gen gemacht und vier Ton­nen Koh­le­pro­ben wer­den genom­men.

Zwi­schen­durch kam es zu einer unfreund­li­chen Begeg­nung zwi­schen den Rus­sen und den Ame­ri­ka­nern der Arc­tic Coal Com­pa­ny (ACC) aus Lon­gye­ar City (heu­te Lon­gye­ar­by­en). John Mun­ro Lon­gye­ar per­sön­lich und der nicht kon­flikt­scheue Scott Tur­ner von der Arc­tic Coal Com­pa­ny bezeich­ne­ten Samoi­lo­witsch als Lüg­ner und pro­tes­tier­ten münd­lich und schrift­lich gegen die rus­si­schen Akti­vi­tä­ten, da sie mein­ten, dass sie sich mit den ame­ri­ka­ni­schen Ansprü­chen über­lapp­ten. Letzt­lich ver­lie­fen die Pro­tes­te aber im Sand der inter­na­tio­na­len diplo­ma­ti­schen Büro­kra­tie und führ­ten zu nichts.

Grumant

Grumant (heu­te Grum­ant­by­en).
Hier fand die rus­si­sche Expe­di­ti­on 1912 viel­ver­spre­chen­de Koh­le­vor­kom­men.

Anfang Sep­tem­ber ver­ließ die rus­si­sche Expe­di­ti­on Spitz­ber­gen. Zwei Über­win­te­rer blie­ben als Wach­mann­schaft in der Cole­s­buk­ta (Rus­a­no­vod­den) zurück. Die Über­win­te­rung nahm aber kei­nen guten Ver­lauf: Einer der bei­den bekam Skor­but. Viel zu spät ver­such­ten sie, sich nach Lon­gye­ar City zu ret­ten, wo der Kran­ke aber trotz ärzt­li­cher Behand­lung einen Tag nach Ankunft starb. Dem ande­ren muss­ten wegen Erfrie­run­gen meh­re­re Zehen und Fin­ger ampu­tiert wer­den. Er blieb noch meh­re­re Mona­te bei den Ame­ri­ka­nern.

Die Expe­di­tio­nen von 1914 und 1915

1914 und 1915 wur­den die Unter­su­chun­gen in Cole­s­buk­ta und Grumant fort­ge­setzt, wei­te­re Details aus die­sen Jah­ren sind aber nicht bekannt. Wahr­schein­lich waren Samoi­lo­witsch und zwei wei­te­re Män­ner betei­ligt. Die Expe­di­ti­on von 1915 war vor­läu­fig die letz­te, da 1914 der Ers­te Welt­krieg aus­brach und 1917 die Revo­lu­ti­on in Russ­land.

Die Ent­wick­lung nach dem Ers­ten Welt­krieg bis 1932

Der Ers­te Welt­krieg berühr­te Spitz­ber­gen nicht direkt. Er wirk­te sich aber inso­fern aus, als dass meh­re­re Gesell­schaf­ten wie eben die Rus­sen sich bei oder kurz nach Kriegs­be­ginn zurück­zo­gen. Nach dem Krieg führ­te die Roh­stoff­knapp­heit aller­dings zu stei­gen­den Prei­sen, so dass der Koh­le­berg­bau auf Spitz­ber­gen in den frü­hen 1920er Jah­ren einen Schub bekam.

Stolleneingang, Bohemanflya

Alter Stol­len­ein­gang unbe­kann­ten Bau­jahrs auf der Bohem­an­flya.

Von rus­si­scher Sei­te pas­sier­te zunächst aller­dings wenig. Green Harbour/Barentsburg sowie Rijps­burg (Bohemanneset/Bohemanflya) wur­den zunächst von der nie­der­län­di­schen NeSpi­Co (Neder­land­sche Spits­ber­gen Com­pa­gnie) gegrün­det und ent­wi­ckelt. In Grumant über­nahm ab 1920 die Anglo Rus­si­an Grumant (ARG), und in Pyra­mi­den mach­ten die Schwe­den den Anfang.

Zu die­sen Orten gibt es jeweils ein­zel­ne Sei­ten mit Infor­ma­tio­nen zur wei­te­ren Ent­wick­lung:

Ab 1931 gin­gen die rus­si­schen Berg­bau­an­la­gen und Gebiets­an­sprü­che über Zwi­schen­schrit­te in den Besitz des rus­si­schen staats­ei­ge­nen Trust Ark­ti­ku­gol über. Zwi­schen­durch tauch­te noch eine Gesell­schaft namens Sojuslje­s­prom als vor­über­ge­hen­der Eig­ner auf, die aber wenig mehr als ein Papier­ti­ger gewe­sen zu sein scheint. Ab 1932 und bis heu­te ist jeden­falls der Trust Ark­ti­ku­gol Besit­zer und Betrei­ber der rus­si­schen Sied­lun­gen auf Spitz­ber­gen. Deren wei­te­re Geschich­te steht auf den oben ver­link­ten Sei­ten zu den ein­zel­nen Orten.

Quel­len

Die Quel­len­la­ge zu den rus­si­schen Sied­lun­gen und der rus­si­schen Berg­bau­ge­schich­te auf Spitz­ber­gen ist lei­der sehr dürf­tig. Ein­mal war ich erfreut, end­lich ein neu erschie­ne­nes rus­si­sches Buch über die Geschich­te Spitz­ber­gens zu fin­den – um beim zwei­ten Blick (den brau­che ich für die kyril­li­sche Schrift dann schon, um sie zu ent­zif­fern) fest­zu­stel­len, dass es sich um eine rus­si­sche Über­set­zung von Thor Bjørn Arlovs Buch Sval­bards His­to­rie han­del­te. Die­ses Buch ist im nor­we­gi­schen Bereich auch eines der moder­ne­ren Stan­dard­wer­ke, aber einer der berech­tig­ten Haupt­kri­tik­punk­te dar­an ist gera­de, dass es stark auf die nor­we­gi­sche Per­spek­ti­ve fokus­siert.

Erstaun­lich, dass ein nor­we­gi­sches Buch über­setzt wur­de, anstatt dass sich in den rus­si­schen Ark­tis-Krei­sen, die ja groß und aktiv sind, jemand gefun­den hät­te, der die Geschich­te Spitz­ber­gens aus rus­si­scher Sicht mal soli­de mono­gra­phisch zusam­men­ge­fasst hät­te! Das wäre das Spitz­ber­gen-Buch, das bis heu­te fehlt, und ich hof­fe nach wie vor, dass es ein­mal geschrie­ben wird und her­aus­kommt. Das wäre etwas für einen His­to­ri­ker mit rus­si­schen Sprach­kennt­nis­sen auf Mut­ter­sprach­ler­ni­veau, his­to­ri­schem Hin­ter­grund und guten Zugän­gen zu rele­van­ten Archi­ven und Kon­tak­ten in die ent­spre­chen­den Krei­se in Berg­bau, For­schung und Poli­tik.

Als Haupt­quel­le für die­se Sei­te dien­te Sval­bards his­to­rie 1596-1965 von Adolf Hoel.

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Letzte Änderung: 18. Dezember 2020 · Copyright: Rolf Stange
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