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Seegang & Seekrankheit

Ja, das »schönste« Thema einer Seereise, dass alle Seereisenden so fasziniert, dass wir ihm hier etwas Platz widmen müssen. Natürlich beschäftigt einen die Frage, wenn man noch nicht über einschlägige Erfahrung verfügt: Werde ich seekrank werden? Wird mir das vielleicht sogar die ganze Fahrt verderben?

Die Antwort darauf ist kein klares ja oder nein, denn sie hängt von vielen Faktoren ab, von denen die wenigsten vorhersehbar sind. Die wichtigsten Einflüsse sind natürlich zum einen Wetter und Seegang, dann die Region, die Route und das Schiff, darüber hinaus aber auch die individuelle Sensibilität. Und hier gibt es ein sehr, sehr weites Spektrum!

Die kurze Antwort: Auf den meisten Spitzbergen-Fahrten macht Seekrankheit sich zwischendurch mal zumindest bei einigen Teilnehmern bemerkbar. Manche werden komplett verschont, andere werden sich in entsprechenden Situationen unwohl fühlen. Über die ganze Fahrt gesehen, ist Seekrankheit definitiv die Ausnahme und nicht die Regel! Die Angst, eine ganze Fahrt lang über der Reling zu hängen, ist Panikmache.

Zu einer stark individuell ausgeprägten Sensibilität oder Robustheit kommt sowohl ein kurzfristiger (wirkt nach wenigen Tagen) als auch ein langfristiger (wirkt über Monate und Jahre) Gewöhnungseffekt dazu. Am ersten Abend reden alle über Seekrankheit, nach ein paar Tagen spielt das keine Rolle mehr, und dann genießen mehr oder weniger alle auch Wetterlagen, die am ersten Abend einen guten Teil der Anwesenden in die Kojen verbannt hätten.

Nach weit über hundertfünfzig Polar-Schiffsreisen ist mir bislang noch nicht zu Ohren gekommen, dass Seekrankheit für jemanden auch im Rückblick die prägende Erinnerung einer Reise gewesen wäre! Aber natürlich kommt es vor, dass sie situativ einen halben Tag oder einen entsprechend lang erscheinenden Abend prägt.

Galerie 1 – Seegang & Seekrankheit

So (erstes Bild) wollen wir es haben: ruhige, geschützte Gewässer. Und so ungefähr werden mit Abstand die meisten Fahrten auch über weite Strecken hinweg laufen, vor allem in Spitzbergen. Aber natürlich kann es im Einzelfall auch mal anders laufen – siehe zweites Bild …

Klicken Sie auf die Bilder, um eine vergrößerte Darstellung des Bildes zu erhalten.

Mein wichtigster Tip vorweg: Stellen Sie sich darauf ein, dass Seekrankheit naturgemäß zu den Begleiterscheinungen einer Reise auf einem Schiff gehören kann, aber machen Sie sich nicht verrückt. Lassen Sie sich vor der Fahrt vom Hausarzt beraten und versorgen Sie sich mit Medikamenten (teilweise verschreibungspflichtig; nicht unbedingt an Bord vorrätig). Für manche reicht es oft schon aus zu wissen, dass Medikamente zur Hand sind, um sich sicherer zu fühlen, und dann braucht man sie mitunter gar nicht zu nehmen. Und dann lassen Sie es damit gut sein! Es hilft sicher nicht, sich ewig lange vor und während der Fahrt Gedanken zu machen. Man kann sich tatsächlich auch verrückt machen und Seekrankheit herbeireden. Man kann aber zumindest auch versuchen, gelassen zu bleiben. Kräftigen Seegang mit Potenzial für entsprechendes Ungemach wird es nur in einzelnen Situationen geben (aber sicher nicht von Anfang bis Ende einer Fahrt). Die können bei entsprechender Empfindlichkeit (viele werden nur bei wirklich schwerem Wetter seekrank) natürlich unangenehm sein – akute Seekrankheit macht wirklich keinen Spaß! – aber sie gehen vorbei und dann scheint die Sonne auch wieder. Seekrankheit vergeht schnell wieder, sobald der Seegang nachlässt, und hinterlässt keine Spuren oder gar Schäden. Man kann sich das von vornherein klar machen und dem Thema mit ein wenig Gelassenheit begegnen. Man darf aber auch nicht erwarten, eine Segelschiffreise in der Arktis zu machen und garantiert nicht seekrank zu werden. Nach dem Motto: Wer keine Hitze mag, sollte keine Nordafrikareise machen, und wer nicht nass werden will, sollte keinen Badeurlab machen.

Nun also im Detail. Wovon hängt es ab, wie groß das Potenzial für Seekrankheit ist?

Fangen wir mit Route und Schiff an. Diese Faktoren sind vor der Reise immerhin mehr oder weniger bekannt. Zunächst zu Spitzbergen, wo die meisten Fahrten stattfinden. Dort gibt es keine mehrtägigen Passagen über offenes Meer, sondern wie ein Blick auf die Karte zeigt, befindet man sich überwiegend in geschützten Gewässern, oft in Fjorden und Buchten, wo sich kein Seegang aufbaut, selbst wenn der Wind kräftig weht. Bei Passagen entlang der Außenküste von einem Fjord zum Nächsten hat man auf einer Seite Land, auf der anderen Seite das offene Meer, so dass es bei rauer See natürlich merklich schwanken kann. Die exponierteste Strecke auf Spitzbergen-Reisen ist der weitläufige Weg ums Südkap herum. Hier muss man sich wegen der flachen Gewässer fernab vom Land halten, so dass Wind sich bemerkbar macht, ganz gleich aus welcher Richtung er weht. Und da man den Kurs schrittweise von südlich auf nördlich dreht, wird Wind auch wahrscheinlich früher oder später aus einer ungünstigen Richtung kommen, wenn es welchen gibt. Das muss nicht so sein, wir haben das Südkap auch schon bei ganz ruhigem Wasser oder bei durchgehend günstigem Segelwind umrundet, aber hier gibt es ganz klar ein Potenzial für Seegang. Das betrifft natürlich nur Umrundungen und nicht z.B. die 10-tägigen Fahrten im September, die entlang der Westküste nach Norden und zurück fahren.

Natürlich versuchen wir immer, die Wettervorhersage im Auge zu behalten, und eventuelle Schlechtwetterphasen in geschützter Umgebung abzuwettern. Aber einmal ist und bleibt das Arktis-Wetter ein Stück weit unvorhersehbar, was übersetzt bedeutet, dass man eben nicht immer genau weiß, was kommt. Zum Anderen ist der aktuelle Wind für Schaukeln eines Schiffes nur einer von mehreren Faktoren. Wie lange weht der Wind schon, haben sich bereits größere Wellen aufgebaut? Ist der Wind auflandig oder ablandig? Wie ist die Windrichtung relativ zum Schiff? Gibt es Strömung, und wenn ja, welche Richtung hat sie relativ zum Wind? Und dann gibt es da noch die Dünung (englisch: swell). Wellen ist das, was der Wind hier und jetzt mit der Wasseroberfläche macht. Dünung sind die Überbleibsel der Wellen, die starker Wind gestern verursacht hat, vielleicht in größerer Entfernung. Dünung ist länger und flacher als Wellen. Es kann windstill sein, die Oberfläche des Wassers ist so glatt, dass die Seevögel sich im Tiefflug darauf spiegeln, aber eine kräftige Dünung lässt die Oberfläche sich langsam heben und wieder senken, wie das Atmen eines gigantischen Organismus. Solche Dünung kann tatsächlich sehr unangenehm sein, aber da sie nicht mit dem Wind im Hier und Jetzt verbunden ist, ist sie auch bei zutreffender Wettervorhersage nicht absehbar. Man kann aus einem ruhigen Fjord auf ein windstilles, offenes Meer hinausfahren und dort von kräftiger Dünung unangehm überrascht werden! Das weiß man naturgemäß vorher nicht, so dass es immer gut ist, sich auf Überraschungen einzustellen: Wenn man sich plötzlich unwohl fühlt, ist es ziemlich ungünstig, wenn man dann erst noch Kamera, Objektive und Rechner sicher verstauen und sonstiges Hab und Gut sichern muss. Das sollte man präventiv vorher gemacht haben, wenn es aufs offene Meer geht.

Dünung ist auch psychologisch schlecht. Wenn man schon seekrank war, dann soll es auch einen richtigen Sturm gegeben haben. Und wenn man dann zu hören bekommt, dass es eigentlich windstill war … Dünung kann auch bei Sonnenschein und Windstille dazu führen, dass Landestellen wegen starker Brandung unzugänglich sind, was die Laune auch nicht besser machen muss, aber das hat mit dem aktuellen Thema Seekrankheit nichts zu tun.

Die Größe des Schiffes spielt natürlich auch eine Rolle. Kleinere Schiffe reagieren durch schnellere, direktere Bewegungen auf Seegang, was die meisten als unangenehmer empfinden. Es gibt auch Ausnahmen, manche finden die direkte Bewegung auf einem kleinen Segelschiff natürlicher und angenehmer als das langsame Schwanken einer großen Fähre, aber das ist sicher eher selten. Generell gilt: Wenn Sie noch nie eine Seereise gemacht haben und fürchten, anfällig zu sein, dann wäre eine kurze Segelschifffahrt auf der Ostsee sicher eine bessere Gelegenheit, diese Art des Reisens und sich selbst zu testen, als gleich eine lange Reise in der Arktis. Und wenn Sie bereits wissen, dass Sie außergewöhnlich empfindlich sind, weil Sie sich beispielsweise nicht auf die Rückbank eines Autos setzen können, ohne in der ersten Kurve das Frühstück wieder von sich zu geben – ja, dann ist eine lange Segelschiffreise wohl wirklich keine sonderlich gute Idee.

Wird das Schiff doch einmal von stärkerem Seegang heimgesucht, liegen natürlich schnell einige Passagiere und auch durchaus das eine oder andere Besatzungsmitglied flach. Andere genießen den Blick auf die Wellen und helfen vielleicht beim Setzen und Trimmen der Segel. Zu welchen werden Sie gehören? Ich weiß es nicht, das können nur Sie selber wissen oder ausprobieren. Wenn das Risiko, zu denen zu gehören, denen es schlecht geht, für Sie inakzeptabel ist: ja, dann ist eine Schiffsreise in der Tat keine gute Idee.

Natürlich gibt es ein größeres Potenzial für Seekrankheit auf Routen, die mit längeren Passagen auf offenem Meer verbunden sind. Dazu zählt ggf. die Passage von Island nach Grönland oder Jan Mayen, und die Drake-Passage zwischen Südamerika und der Antarktis sowieso. Diese Passagen sollten wirklich nicht Teil der ersten Seereise Ihres Lebens sein, schon gar nicht auf einem kleinen Segelschiff. Es sei denn, Sie haben entsprechend gute Nerven und nehmen die Dinge gelassen, wie sie kommen. Auch das geht, aber nicht jeder kann es.

Galerie 2 – Seegang: Eindrücke aus Spitzbergen

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Wichtig: nicht verrückt machen. Wenn sich das Potenzial für Seekrankheit andeutet: Medikamente rechtzeitig nehmen! Die Medikamente sind zur Prävention gedacht. Das heißt im Umkehrschluss: ist man bereits seekrank, ist es zu spät, sie noch zu nehmen. Das ist ein sehr häufiger Fehler! Viele sagen, ich probiere das erst mal so aus, wird schon gut gehen. Und zu oft geht es dann doch nicht gut. Die Logik hinter diesem Vorgehen habe ich, offen gesagt, noch nie so recht verstanden. Wenn Sie wissen, dass es bald Seegang geben kann, und Sie vermuten, dass Sie seekrank werden könnten (sonst hätten Sie ja gar keine Medikamente besorgt), warum nehmen Sie sie dann nicht auch? Sie sind ganz zu Beginn der Fahrt noch nicht an Schiff und See gewöhnt. Warum das Risiko für Seekrankheit unnötig steigern? Akute Seekrankheit macht keinen Spaß! Nehmen Sie Ihre Medikamente rechtzeitig, dazu haben Sie sie dabei. Steigern Sie die Chance, dass Sie die nächsten Stunden der Fahrt wirklich genießen können.

Wie lässt sich diese Chance noch steigern? Erstens: entspannt bleiben, und nicht stundenlang nur über Seekrankheit nachdenken und reden. Zweitens: keine schweren Speisen, kein Fett, Süßkram oder viel Käse, und schon gar kein Alkohol. Sobald Seegang eintritt, gibt es 2 Strategien. Welche davon besser funktioniert, muss jeder für sich selbst herausfinden. Die eine: aktiv sein, an Deck stehen, den Blick auf Wind und Wellen genießen, den Sturmvögeln hinterherschauen, gut gelaunt beim Setzen der Segel dabei sein, Personen die Hand reichen, die sonst das Gleichgewicht verlieren oder dabei sind, etwas fallen zu lassen. Aktiv Teil der Fahrt, des Schiffes, der Gruppe sein! Lachen und sich unterhalten!

Variante zwei: passiv sein. Ab in die Koje und auf ruhigere Zeiten warten. Sie werden kommen, ganz sicher!

Was immer falsch ist, sobald das Risiko für Seekrankheit da ist: Lesen oder gar am Computer sitzen. Besser für die meisten ist Musikhören als passiver Zeitvertreib. Irgend ein kleines Gerät, das über Kopfhörer Musik von sich gibt, kann ein sehr angenehmer Begleiter sein in solchen Situationen. Auch das ist nicht unbedingt für jeden gut, Seekrankheit hat ja mit dem Gleichgewichtsorgan zu tun, und das sitzt bekanntlich im Innenohr. Probieren geht über Studieren.

Und wenn Sie seekrank sind: Halten Sie sich im eigenen Interesse und im Interesse von Mitreisenden und Mannschaft an Orten auf, wo Eimer, eine freie Toilette (wenn’s akut wird, wollen dort sicher mehrere gleichzeitig hin) oder die Reling bei Bedarf schnell erreichbar sind. Wer einmal erleben musste, wie sich jemand unkontrolliert im öffentlichen Bereich übergibt, weiß: Seekrankheit ist doch ansteckend. Und nie gegen den Wind kotzen!

Was immer wichtig ist: genügend trinken. Im Zweifel einfach klares Wasser. Wenigstens Kleinigkeiten essen. Zumindest ein paar einfache Kekse, Zwieback, Knäckebrot, irgend etwas in der Art. Wenn es so schlimm ist, dass Sie über längere Zeit als einige Stunden nichts bei sich behalten können, nicht mal kleine Mengen Wasser aufnehmen können, dann ist medizinische Hilfe angesagt. Dehydrieren bei länger andauernder Seekrankheit ist, neben Stürzen auf dem schwankenden Schiff, das einzige echte, gesundheitliche Risiko. Ich habe aber noch nie erlebt, dass es in Spitzbergen soweit kommt, denn dort ist der nächste schützende Fjord doch immer in überschaubarer Zeit erreicht.

Nun habe ich das Thema Seekrankheit schon ausführlicher bearbeitet, als ich das eigentlich vorhatte. Abschließend noch zwei Tips, die immer helfen (sicherheitshalber: bitte nicht ernst nehmen!):

Wenn Sie seekrank sind, setzen Sie sich unter einen Baum. Sie werden sehen: bald geht es wieder besser!

Und wenn gar nichts funktioniert: Essen Sie Schokolade und trinken Sie dazu Pfefferminztee. Das hilft zwar nicht, aber es schmeckt beim Kotzen wie After Eight.

Seekrankheit: Rache der Fische.

Die Rache der Fische 🙂 mit freundlicher Genehmigung von Martin Perscheid.

Wie gesagt: Humor hilft!

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Letzte Änderung: 19. Oktober 2017 · Copyright: Rolf Stange
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